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Faktor Mensch: Wann HR auf KI verzichten sollte

Foto des Autors: Patrick Wunsch

Autor: Patrick Wunsch
Senior Marketing Manager & KI-Beauftragter 

Künstliche Intelligenz im Personalwesen klingt verlockend: schnellere Reaktionen, bessere Entscheidungen, weniger Aufwand. Doch gerade im Mittelstand lohnt es sich, selbst hinzuschauen – denn nicht alles, was sich automatisieren lässt, sollte automatisiert werden.

Mittelständische HR-Teams arbeiten unter harten Bedingungen: Die Kapazitäten sind begrenzt, der Effizienzdruck ist hoch, und gleichzeitig fällt eine Fehlbesetzung mehr ins Gewicht als in einem Konzern mit einer langen Liste offener Stellen. Es gibt kein großes Team, das einen überforderten Neuzugang unterstützt. Keine Redundanzen, die fehlende Skills ausgleichen. 

Und nicht zuletzt: eine hohe persönliche Verantwortlichkeit des HR-Mitarbeiters, der den Bewerbungsprozess geleitet und die Einstellung vorgenommen hat.

Der Wunsch nach Entlastung durch KI ist also verständlich, aber gleichzeitig ein Punkt, an dem Vorsicht geboten ist. 

Eine Studie der IU zeigt beispielsweise, dass 65,2 % der Befragten negative Assoziationen haben, wenn sie daran denken, dass KI im Bewerbungsprozess involviert ist. Der meistgenannte Nachteil? “Unpersönlichkeit” – mit 72 %.

Wer die Effizienz von HR-Prozessen durch Automatisierungen steigern will, ohne die Grenzen von KI zu kennen, riskiert also nicht nur schlechte Besetzungen. Er setzt auch die Arbeitgebermarke, das Vertrauen von Bewerbern und Mitarbeitern sowie die eigenen Karrierechancen aufs Spiel – Werte, die sich schwer zurückgewinnen lassen.

Dieser Artikel zeigt, wo KI im HR des Mittelstands sinnvoll unterstützt – und wo der Mensch unverzichtbar bleibt.

KI als ultimative Entlastung

Die Ausgangslage – um noch einmal darauf zurückzukommen – ist nachvollziehbar: 

Oft besteht dringender Fachkräftemangel – und damit der Druck, Stellen sogar noch schneller und besser zu besetzen als früher.

Die Hoffnung, dass immer besser werdende KI-Tools und KI-Features zumindest einen Teil davon übernehmen können, ist durchaus begründet. Bewerbungen vorfiltern, Termine koordinieren, Stellenanzeigen formulieren: das können sogar generische Large Language Models, zum Beispiel ChatGPT, Claude, Grok oder Gemini.

Warum also nicht nutzen?

Tatsächlich zeigt eine aktuelle Randstad-ifo-HR-Befragung, dass 44 % der Unternehmen in KI einen Nutzen für den HR-Bereich sehen – bei Vertragsmanagement und Dokumentenerstellung. 25 % der Personaler erzielen bereits positive Effekte in der Mitarbeiterkommunikation und im Recruiting.

Das Problem ist nicht der Wunsch, die eigene Arbeitslast zu verringern – der ist menschlich und legitim. Und auch nicht der Versuch, Prozesse zu automatisieren – das ist für gewöhnlich genau der richtige Ansatz, um die Produktivität und den Umsatz zu steigern. 

Das Problem entsteht, wenn eine Automatisierung zum Reflex wird – und KI bei Use Cases zum Einsatz kommt, die eigentlich menschliches Urteilsvermögen erfordern.

Wann der Mittelstand auf KI verzichten sollte

Hier sind 5 Anwendungsbereiche im Personalwesen, bei denen die Vorteile von KI-basierten Automatisierungen mehr als zweifelhaft sind.

Wenn Persönlichkeit wichtiger ist als Keywords

Im Mittelstand sind es nicht selten die schwer messbaren Eigenschaften, die über Erfolg oder Misserfolg einer Besetzung entscheiden. Im Arbeitsalltag ist wichtig:

Für diese Faktoren ist die KI größtenteils blind. Sie kann Keywords matchen, Lücken im Lebenslauf markieren und natürlich auch statistische Aussagen machen. Was sie jedoch nicht kann: einschätzen, ob jemand in einer kleinen Abteilung funktioniert, in der jeder Einzelne viele Aufgaben und einen weiten Handlungsspielraum hat – und dementsprechend hohe Verantwortung trägt.

Wenn die Fehlbesetzung teuer wird

In einem Konzern mit hunderten oder tausenden Stellen kann eine falsche Einstellung oft aufgefangen werden. Im Mittelstand nicht.

Wer die falsche Person einstellt, zahlt mehrfach: 

Wenn eine Schlüsselrolle schwächelt, ist das ganze System betroffen. Und das führt am Ende zu Kosten, die weit höher liegen können als jede Ersparnis durch Automatisierung. Wie hoch diese Kosten ausfallen, hängt natürlich von verschiedenen Faktoren wie Abteilung, Gehalt und Unternehmensgröße ab. Als grober Richtwert wird in verschiedenen Quellen (z. B. INOP) eine Schätzung des U.S. Department of Labor zitiert: Eine Fehlbesetzung kostet demnach um die 30 % des jeweiligen Jahresgehalts.

Wenn es um sensible Gespräche geht

Manche Momente im HR-Alltag lassen sich nicht standardisieren, weil der menschliche Faktor zu wichtig ist.

Das sind keine bloßen Prozessschritte, sondern Momente, in denen Empathie eine entscheidende Rolle spielt. In denen es nicht nur darauf ankommt, was gesagt wird, sondern auch, wie. Ein automatisiertes System, das Standardformulierungen ausgibt, lässt solche Situationen leicht eskalieren.

Wenn die Datenbasis schwach ist

KI ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie arbeitet. Genau hier stoßen viele mittelständische Unternehmen an ihre Grenzen – einschließlich der HR-Teams.

Wer keine einheitlichen Anforderungsprofile verwendet, Bewerber seit Jahrzehnten nach variablen Kriterien bewertet, nie dokumentiert hat, welche Einstellungen erfolgreich waren und welche nicht, der gibt einer KI schlicht keine solide Grundlage für Analysen während des Bewerbungsprozesses.

KI kann Muster erkennen – aber nur da, wo tatsächlich Muster erkennbar sind. Wenn das nicht der Fall ist, neigen selbst State-of-the-Art-Modelle zu Fehleinschätzungen oder sogar Halluzinationen – die nicht nur nutzlos, sondern schädlich sind. Wo Fehleinschätzungen vorher als menschliche Irrtümer die Ausnahme waren, werden sie in der Automatisierung zur Regel.

Wenn Transparenz und Fairness nicht gewährleistet sind

Nehmen wir an, ein Bewerber fragt nach, warum er nicht in die nächste Runde gekommen ist. Oder der Betriebsrat will wissen, nach welchen Kriterien die Kandidaten priorisiert werden. Oder ein Mitarbeiter, der gehen musste, beharrt darauf, dass die Kündigung nicht legitim war. 

Wenn die Antwort lautet: „Das hat eine KI entschieden“ – dann haben Sie ein Problem.

Nicht nur rechtlich – denn der EU AI Act hat strenge Vorgaben, wenn es um KI-Output mit weitreichenden persönlichen Konsequenzen geht –, sondern vor allem ethisch. Kein Unternehmen sollte für ein Plus an Effizienz auf einen vernünftigen Umgang mit Menschen verzichten. In einigen Konzernen mag das nicht ungewöhnlich sein, im Mittelstand sollte man jedoch den Anspruch wahren, sich davon abzugrenzen.

Wo KI im HR trotzdem sinnvoll unterstützt

All das bedeutet keineswegs, dass KI in den Personalabteilungen des Mittelstands wenig zu suchen hat. Im Gegenteil: Richtig eingesetzt, schafft sie Raum für die Aufgaben, die menschliches Urteilsvermögen erfordern – und damit die eigentliche Kernkompetenz guter HR Manager darstellen.

Wo KI helfen kann und darf:

  • Entwürfe für Stellenanzeigen:
    Als Ausgangspunkt, der überarbeitet wird, insbesondere im Hinblick auf die Tonalität.
  • Standardkommunikation:
    FAQs beantworten, Eingangsbestätigungen versenden, Dokumente verwalten – alles, was immer gleich abläuft, darf die KI übernehmen.
  • Vorsortierung von Bewerbungsunterlagen:
    Vollständigkeit prüfen, Zusammenfassungen erstellen, erste Sortierung nach formalen und nicht verhandelbaren Kriterien.
  • Terminkoordination:
    Eine KI-gestützte Abstimmung von Interview-Slots spart Zeit auf beiden Seiten.
  • Zusammenfassungen:
    Stichpunktartige Notizen aus Bewerbungsgesprächen können im Nachgang mit wenig Aufwand in strukturierte Protokolle umgewandelt werden.

Der entscheidende Faktor: In all diesen Fällen unterstützt KI nur bei der Administration oder bei der Vorbereitung einer Entscheidung, nicht der Entscheidung selbst. Sie spart Zeit bei Aufgaben, die repetitiv sind und weder besondere Empathie noch sorgfältiges Abwägen erfordern.

Einfache Regeln für HR-Verantwortliche im Mittelstand

Die Frage lautet also nicht: „Können wir das automatisieren?“, sondern: „Sollten wir das automatisieren?“ Technisch lässt sich heute vieles machen, doch es gibt so einiges, was besser in Menschenhand bleibt. 

Nur – wie entscheidet man das? An welche einfache Regel kann man sich halten?

Eine erste Orientierung könnte ein Leitspruch sein, beispielsweise:

Besser ist jedoch eine kurze Frage, die sich mit Ja oder Nein beantworten lässt: 

Kann ich die Entscheidung begründen?

Wenn Sie bei der Antwort zögern, wissen Sie Bescheid.

Fazit

Es gibt keinen Grund, KI aus den Personalabteilungen des Mittelstands zu verbannen. Gleichzeitig ist es eine schlechte Idee, sie überall einzusetzen. Wie so oft, liegt das Optimum irgendwo zwischen den Extremen.

Die großen Pluspunkte mittelständischer Unternehmen bestehen in starkem Teamgeist, kurzen Entscheidungswegen und echter Verantwortlichkeit. Das sind Wettbewerbsvorteile, sowohl im Hinblick auf Produktivität und Innovation als auch im Hinblick auf die Attraktivität als Arbeitgeber. Der unbedachte Einsatz von KI in kritischen Bereichen kann jeden Vorsprung vor der Konkurrenz schnell zunichtemachen.

Wer KI hingegen richtig einsetzt, entlastet Mitarbeiter – auch im HR. Dort kann Automatisierung den Raum für genau die Arbeit schaffen, die kein noch so ausgefeilter Algorithmus übernehmen kann und sollte: Stimmungen wahrnehmen, Empathie zeigen, Vertrauen aufbauen.

Autoren-Vita

Foto des Autors: Patrick Wunsch

Patrick Wunsch ist Senior Marketing Manager und KI-Beauftragter der MBmedien Group. Er fokussiert sich seit 10 Jahren auf Content Creation, testet regelmäßig neue Plattformen, Apps und Tools und interessiert sich für die Einsatzmöglichkeiten innovativer Technologien sowohl im Arbeitsalltag als auch für private Projekte.